Es gibt Fotobücher, die man durchblättert, und solche, bei denen man nach wenigen Seiten automatisch langsamer wird. Genau so ein Bildband ist 35STREET von Ralf Scherer. Ich kenne Ralf seit vielen Jahren und weiß sehr genau, welche Art von Bildern er macht. Genau deshalb habe ich mich auf dieses Buch besonders gefreut. Ich bewundere seine Fotos, weil sie etwas haben, das im Bereich der Streetfotografie sehr selten anzutreffen ist. Ich würde es als emotionales Storytelling bezeichnen. Viele Straßenfotos wirken heute austauschbar: Linien, Schatten, Kontraste. Hier ein Farblook, da jemand der Parallel vor einer Wand läuft. Ralf Scherers Bilder sind völlig anders. Darüber möchte ich in diesem Blogpost sprechen und ich hoffe, das ich euch damit für sein Buch begeistern kann, denn jeder der sich für Fotografie interessiert, sollte sich diesen Bildband näher anschauen.
Der größte Unterschied zu den meisten anderen Straßenfotografen liegt für mich nicht nur in den Motiven die Ralf zeigt, oder in den Geschichten die er erzählt, sondern in der Haltung hinter den Bildern. Scherer fotografiert Menschen nicht als grafische Elemente innerhalb einer Szene, sondern als Teil einer Geschichte. Man spürt, dass er beobachtet, wartet und den richtigen Moment nicht erzwingt. Viele Aufnahmen funktionieren auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Seine Bilder haben Spannung und eine eigene erzählerische Kraft, die mich sofort wieder gepackt hat. Besonders beeindruckt hat mich, wie häufig Emotionen transportiert werden. Das ist eine Qualität, die ich in vielen aktuellen Streetfotobüchern vermisse.
Ich liebe den Humor in vielen seiner Bilder!
Ralf Scherer arbeitet seit Beginn seiner fotografischen Laufbahn mit einer Kamera mit fest verbauter 35mm Linse. Daher auch der Titel 35STREET. Als er sich dafür entschied, war das in der Streetfotografie-Szene noch eher ungewöhnlich. Viele Fotografen arbeiteten damals mit wechselnden Objektiven oder Zooms. Ich war lange Zeit auch mit der gleichen Kameramodell auf der Straße unterwegs, und ich kann sagen: Die bewusste Beschränkung auf eine einzige Brennweite hat nicht nur gestalterische, sondern auch emotionale Auswirkungen. Man bewegt sich anders durch die Stadt, kommt näher an Menschen heran und entwickelt mit der Zeit einen sehr intuitiven Blick für Bildausschnitte.
Heute ist die Auswahl an Kameras mit fester Brennweite deutlich größer als noch 2012. Die meisten Fotografen, die eine solche Kamera verwenden, besitzen jedoch zusätzlich andere Kameras mit Wechselobjektiven. Ralf dagegen ist seiner 35‑mm‑Perspektive konsequent treu geblieben. Genau diese Beständigkeit sorgt dafür, dass die Bilder wie aus einem Guss wirken und einen unverwechselbaren Charakter entwickeln.
Ein gutes Fotobuch lebt nicht nur von einzelnen starken Bildern, sondern auch von der Reihenfolge der Aufnahmen. Genau hier zeigt sich, wie viel Sorgfalt in 35STREET steckt. Das Buch wirkt nicht wie eine Sammlung einzelner „Best-of“-Streetfotos. Viele Fotografen, mich eingeschlossen, kennen das Problem: Man hat einige starke Aufnahmen, aber daraus entsteht noch lange kein gutes Fotobuch.
Bei 35STREET stehen die Bilder nicht isoliert nebeneinander, sondern ergänzen sich gegenseitig. Wiederkehrende Themen wie Liebe, Einsamkeit, Begegnungen, Glaube, Humor oder stille Beobachtungen ziehen sich durch das gesamte Buch und schaffen einen roten Faden. Die Bilder wiederholen sich nicht, sondern bauen eine visuelle Reise auf. Dadurch entsteht das Gefühl, nicht nur einzelne Momente zu sehen, sondern eine zusammenhängende Reise zu erleben. Losgelöst von konkreten Orten.
35STREET ist für mich außerdem ein Buch, das man immer wieder gern in die Hand nimmt. Nicht, um es schnell von vorne bis hinten durchzublättern, sondern um sich bewusst einige Seiten. Manchmal zehn, manchmal zwanzig, in Ruhe anzuschauen, am besten mit einem Kaffee auf dem Balkon in der Sonne. Genau so sollte man Fotografie betrachten, und nicht auf einem Display.
Genau das macht für mich den Unterschied zwischen einer Sammlung guter Streetfotos und einem wirklich gelungenen Streetfotografie-Bildband aus. Ein besonderer Anteil am Gesamteindruck des Buches kommt außerdem Marco Völzke zu. Er hat die Bilder kuratiert und ist für das Layout von 35Street verantwortlich.
Wer genau hinsieht, entdeckt immer wiederkehrende Symbole in seinen Bildern
Ein weiterer Grund, warum 35STREET für mich so gut funktioniert, ist die konsequente Schwarzweiß-Umsetzung. Ohne Farbe konzentriert sich der Blick viel stärker und schneller auf den Bildinhalt Dadurch wirken viele Bilder zeitlos und lassen sich nicht sofort über einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit einordnen. Das Schwarzweiß deshalb nicht nur eine ästhetische Entscheidung.
Wenn ich das Buch durchblättere, muss ich auch oft an meine eigenen Streetfotografie-Touren denken. Gerade in den letzten Jahren habe ich mich oft dabei ertappt, stärker auf grafische Elemente und saubere Kompositionen zu achten. 35STREET erinnert mich daran, dass ein technisch sauberes Bild nicht automatisch ein berührendes Bild ist.
Ich mag die Details, die Ralf bei der Produktion des Buches eingebaut hat: die grafische Übersicht darüber, an welchen Orten er mit der Kamera unterwegs war, die schönen Zitate und nicht zuletzt die allgemeine haptische Qualität des Buches und des verwendeten leicht gelblich warmen Papieres. Druck und Papierqualität hinterlassen einen hochwertigen Eindruck. Die Fotografien bekommen genügend Raum und wirken nicht überladen präsentiert. Gerade bei Schwarzweiß und kontrastreichen Aufnahmen ist das ein wichtiger Punkt.
Hochwertige Fadenbindung
35STREET ist ein Buch über Menschen, Begegnungen und die kleinen Geschichten des Alltags. Gerade weil Ralf Scherer nicht versucht, spektakulär zu sein, wirken viele seiner Bilder lange nach. Wer selbst fotografiert, wird hier nicht nur Inspiration finden, sondern vor allem eine Erinnerung daran, worum es in der Streetfotografie eigentlich geht: aufmerksam sein, beobachten und echte Momente erkennen.
Ich kann diesen fantastischen Bildband deshalb uneingeschränkt empfehlen. Nicht nur Streetfotografen, sondern jedem, der sich für gute Fotografie und visuelles Erzählen interessiert.
Diese Message ist so unglaublich wichtig in unserer heutigen zeit. Ich finde, wir alle sollten uns dessen häufiger bewusst sein.
Ralf Scherer vertreibt 35STREET im Eigenverlag über seine Webseite. Das Buch erscheint als hochwertiges Hardcover mit Einschlag im großzügigen 30 × 30 cm Format und umfasst 198 Seiten. Gedruckt wird auf 138 g/m² mattem Papier, das die Schwarzweißfotografien ohne störende Reflexionen wiedergibt. Die hochwertige Fadenheftung sorgt dafür, dass sich das Buch sauber aufschlagen lässt. Wer sich für das Buch interessiert, kann es direkt im Onlineshop von Ralf bestellen:
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